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Die Direkte Nordwand des Sondre Trolltind

Nach der Besteigung der Trolltind-Wand im Jahre 1965 schien mir, da§ Norwegen das Gelände für zukünftige Entwicklungen in technischer Kletterei sein mü§te. Nirgendwo au§erhalb Amerikas waren solche vertikalen Granitwände zu finden, sogar die berühmten Yosemite-Klettereien müssen in Bezug auf die Höhe den zweiten Platz einnehmen. Die direkte Route am Trollveggen, welche von einer französischen Gruppe zum ersten Mal im Jahre 19§7 durchstiegen wurde, hat eine Höhe von nahezu 5000 Feet vertikal oder überhängend. Der Vergleich zwischen dieser Wand und der 3000 Feet-Bastion des El Capi­tan fällt sehr günstig aus. Unter diesen Wänden im Romsdal findet man Granitklettereien, welche in ihren Schwierigkeiten mit jeder anderen in der Welt vergleichbar sind.

 Nach dem Trollveggen ist die obere Nord­wand des Sondre Trolltind die eindrucksvoll­ste Wand des Tales. Steil und glatt fällt sie fast 2000 Feet ab. In dieser Hinsicht ist sie sogar noch eindrucksvoller als die Trollwand, denn auf den ganzen 2000 Feet ist nicht ein Band zu finden, das gro§ genug wäre um Schnee nach einem Sturm festzuhalten. Be­denkt man dabei noch den langen Anstieg über 2500-Feet-Felsplatten im IV. Schwierig­keitsgrad und die oberen 1000 Feet brüchigen Gesteins, so erhält die vorgeschlagene Route durch die direkte Nordwand ziemlich ernste Ausma§e.

  Als ich mit Rusty Baillie anfangs August 19§7 im Tal ankam, waren die Franzosen fast am Ende ihrer Klettetei. In mancher Hin­sicht war es schade, da§ sie für den gro§ten Teil der Wand fixe Seile verwendeten, aber zweifellos waren einige Stellen sehr extrem. Ihre Leistung machte uns jedoch auf eines aufmerksam: Während der 21 Tage dauern­den Besteigung mu§ten sie in sehr schlech­tern Wetter klettern und dies bestätigte, was Baillie und ich bereits gedacht hatten. Um eine Besteigung gro§en Ausrna§es in Norwe­gen durchführen zu können, mu§ man für jedes Wetter gerüstet sein.

Deshalb nahmen wir uns vor, während der ganzen Ersteigung wasserfeste Kleidung zu tragen, trotz der Tatsache da§ dies eine ziem­liche Kondensation zur Folge haben würde. Wir wollten auch die modernen Kletterme­thoden anwenden, welche sich in den letzten Jahren aus den Unternehmungen im Yose­mite ergeben hatten. Diese lehnen jedoch den Gebrauch fixer Seile ab und stützen sich auf die Fähigkeit des Bergsteigers, sich schnell und sicher vorwärts zu bewegen. In einer Wand von dieser Schwierigkeit und Grö§e konnte kein Platz für einen, Passagier’ sein. Jeder Bergsteiger mu§ Vertrauen und Glau­ben in die Fähigkeit seines Kameraden set­zen, denn oft hängt das Leben nur an einem Faden.

  Das Wetter im August war alles andere als gut, abet während eines zwei Tage dauern­den, schnellen Nachsehens’ gewannen wir in dem schwierigen Mittelabschnitt nur 300 Feet an Höhe. Als wir das Tal um 3 Uhr morgens verlie§en, gerade als die rötliche Dämmerung anbrach, verbrachten wit lange, fruchtlose Stunden, um die Route an den glatten, nas­sen Felsplatten zu finden, welche den Anstieg zur oberen Wand bilden. Unangeseiltes Klet­tern, die eigens entworfenen Nachschlepp­säcke tragend — jeder wiegt 40 lbs. — fühl­ten wit uns sehr unsicher an den haltlosen Platten, und erst als wir unsere, neue’ Tech­nik entfalteten, machten wit schnellere Fortschritte. Bei etwa 1000 Feet gingen die Plat­ten plötzlich in einen steilen, überwachsenen Pfeiler über, und, obwohl das Klettern im trockenen Gestein nie mehr als den IV. Schwierigkeitsgrad überstieg, waren doch der nasse Fels und die Ausgesetztheit Gefahr genug, um grö§te Vorsicht walten zu lassen. Rusty führte 150 Feet mit doppeltem Seil, welches er befestigte und sich abseilte zu der Stelle, wo ich sicherte. Seinen Rucksack hatte er bei mit zurückgelassen. Als er sich an einem Seil abseilte, kletterte ich an dem an­deren hinauf und benutzte eine Jümar-Klam­mer zur Sicherung. Ich trug den Schleppsack. Nachdem Rusty sich abgeseilt hatte, kletterte er das zweite Seil hinauf, seinen Sack mit­schleppend. Das Ergebnis war Schnelligkeit und Sichetheit und der erste Mann, der den Festigungspunkt der Seile erreichte, hatte ge­nügend Zeit um den nächsten Abschnitt vor­zubereiten, bevor der zweite Mann ankam. 

  Auf diese Weise brachten wit schnell weitere 1000 Feet von der Felsplatte hinter uns und ungefähr 500 Feet im Schnee und erreichten den Fu§ der steilen oberen Wand. Hier waren wir verloren in dem wirbelnden Nebel, welcher uns den ganzen Tag langsam entgegenkroch. Wit traversierten nach links in schlechter Sicht und hatten gro§e Schwierig­keiten, uns zu orientieren. Um 7 Uhr hatte ich einen Kamin (V) durchstiegen, welcher auf die Spitze eines Sockels unter der Wand führte. Ich seilte mich ab und lie§ die Seile für den nächsten Tag hängen. 

Durch unseren Radiokontakt mit dem Tal hörten wir in dieser Nacht, da§ weiterhin schlechtes Wetter vorausgesagt war. Wir waren etwas verstört, legten uns aber bald schlafen und machten uns nicht länger Sor­gen. Wir hatten das Problem überdacht und warteten darauf, unsere Mittel gegen die Ab­wehr des Berges einzusetzen. Während der kurzen Aufklarungen in der Nacht war es jedoch entnervend, aufwärts in den Irrgarten von Überhängen zu starren, welcher den Fu§ der Wand schützt. Dies war das Problem. Einmal über den Überhängen, konnten wir schnell vorwärts kommen. Aber sogar unsere pessimistischen Befürchtungen bereiteten uns nicht auf die extremen Schwierigkeiten vor, welche wit finden sollten. 

Der nächste Morgen zog klar herauf und wir erwachten mit der Sonne, welche die Wand um 4 Uhr auf ihrer Morgenpromenade hin­ter dem nahen Romsdalshorn streifte. Die ganze Ausrüstung mu§te sortiert werden, die Haken sorgfältig auf Schlingen aufgereiht, alle Biwak-Sachen und Kleidungsstücke wur­den in einem Schleppsack verstaut und Nah­rung für sechs Tage und zwölf Pints Wasser sorgfältig in den anderen verpackt. Deshalb konnte ich nicht vor 5 Uhr anfangen, mittels Prussikknoten das Seil hochzuklettern wel­ches ich die Nacht zuvor hatte hängen lassen. Zum Klettern und ,,Prusiken” verwendeten wir ein einfaches 1-mm-Perlonseil, das ein­zige Seil, das wir eigentlich zum Klettern benützten. Das traditionelle Doppelseil hatten wir aufgegeben und verlie§en uns nun auf aufknüpfbate Bandschleifen und -schlin­gen, um die Haken zu verlängern und den Seilzug zu vermindern. Es ist interessant, da§ wir während der ganzen Kletterei mit den durch die Karabiner laufenden Seilen keine Schwierigkeiten hatten. Das einzige Seil, das wir noch mitführten, war ein 9-mm-Perlon-seil, welches wir für das Sacknachziehen ver­wendeten. Hier wandten wir eine andere Technik vom Yosemite an. Mit einem 150-Feet-Seil, ,,Jümar”-Klammern und einem kleinen Flaschenzug können die ganze Bein­kraft und das Gewicht des Kletterers getragen werden. Bei dieser Methode hatten wir keine Mühe, beide Säcke zusammen heraufzuholen, eine Last von 80 lbs. in einem Zug. 

Am Ende der 150 Feet holte ich die Säcke herauf und Rusty stieg gleichzeitig nach. Als er mittels Prusikknoten das Seil hinaufklet­terte, zog ich die Säcke nach. Auf diese Weise hatten wir keine Sicherung im üblichen Sinn, aber der Kletterer konnte sich selbst mit zwei ,,Jümar”-Klammern sichern. Dabei ist eine der Klammern unter Spannung und des­halb an das Seil gepre§t. Diese Klammer stellt die Sicherung dar. Diese Klettermethode ist sicher, da das Seil immer zur Sicherung des Führenden gestrafft ist. Die einzige Ge­fahr liegt darin, da§ ein Stein das Seil trifft, in dem Augenblick, in dem der zweite Mann klettert. Aber in einer Wand von dieser Ver­tikalität kommt es nie zu viel, wenn über­haupt, gefährlichem Steinschlag. 

  Rusty für die kommende schwierigere Arbeit schonend, bot ich mich an, die nächste Länge zu führen und war bald in einem Kamin, welcher mir zuerst leicht erschien. Tatsächlich mu§te ich aber erst 120 Feet Seil ausklettern und 10 Haken in den überhängenden Fels schlagen, bis ich auf ein geneigtes Band am Fu§e des eigentlichen Überhanges kam. 

Hier wurde das Klettern schwer. Die näch­sten 200 Feet nahmen fast den ganzen Tag in Anspruch und den grö§ten Teil unserer psychischen und physischen Kräfte obendrein. Für die nächsten 200 Feet schlug keiner von uns einen Haken, welcher nicht mit den Band­schleifen festgebunden werden mu§te, die wir mittrugen. Die Risse waren blind, flach, zu schmal oder einfach sehr unangenehm. Sie wurden durch abflie§endes Wasser ge­bildet, das durch die Rinnen von den darüber­liegenden Überhängen heruntersickerte. Diese Risse unterscheiden sich stark von den schön­nen, gleichmä§igen Eisrissen im Chamonix-­Massiv. Die Haken waren schlecht anzubrin­gen und mu§ten mit gro§er Vorsicht ausge­sucht werden. An einer Stelle mu§te Rusty einen ,,RURP” zusammen mit einer Messer­klinge anbringen. ,,RURP”, das ist der revo­lutionäre ,,Realised Ultimate Reality Piton” mit einer Klingenlänge von 1 cm — was fast das ,,Letzte” an Hakenkletterei symbolisiert. Am Ende der 2. Seillänge brachte ich eine Sicherung an und schwang dort in meinem Nylon-Sitz, während Rusty mittels Prusik­knoten das Seil hinaufkletterte, alle Haken herausziehend. Um sie zu lockern, brauchte keiner mehr als zwei Schläge mit dem Ham­mer, nur ein paar Haken in dieser Länge waren sicher gewesen. Als Rusty sich der Sicherung näherte und die Hakenzahl zwi­schen uns sich verringerte, wurde ich mir wieder dieses Gefühls der Unsicherheit be­wu§t, welches sich ankündigt und mit alar­mierender Schnelligkeit wächst. Dieses Ge­fühl hatte ich früher schon oft verspürt, wenn es brenzlig wurde. Ich war froh als Rusty weitergeklettert war, und stieg in den klebrigen, überhängenden Kamin hinauf, welcher unser Weiterkommen versperrte. 

Das Klettern war extrem — die erste Seil­länge A4 — und lie§ die zwei früheren A3 - Stellen wie ein Kinderspiel erscheinen. Zu weit, um sich irgendwo einzusternmen, mu§te Rustys Ingenieur-Talent herhalten, mit einer Kombination von ,,Skyhook”-Be­wegungen und gro§em ,,Bong-Bong” tief in das schleimige Innere des Risses einzudringen. Nach 3 Stunden Arbeit hatte er 30 Feet ge­wonnen, der gro§te Teil der Haut auf seinen Knöcheln war abgeschürft und er hatte einen Punkt erreicht, von wo aus es möglich war, eine Schlinge über einen Felszapfen zu wer­fen und sich über das schmale Dach zu ziehen. 

Wir waren beide tropfna§, unsere Kleider klebten steif auf unserer kalten Haut. Das von den Überhängen über uns rinnende Wasser hatte unsere Kräfte sehr mitgenom­men, die normale Blutzirkulation meiner Beine hatte durch die Stunden, welche ich in den engen Bregrenzungen meines Nylon-­Sicherungs-Sitzes verbrachte, schon lange aufgehört. Aber wir hatten ein Band erreicht. Während ich die Haken in dieser Steigung herausschlug, zog ich mich an Sicherungs­haken hoch. Ich fand Baillie im tiefen Schlaf in unserem ,,Palast” auf einem unebenen Felsen, ungefähr 4 Feet lang und 2 Feet breit. Aber es war ein Band, das erste nach 300 Feet, und bald bereiteten wir unser zweites Biwak vor. 

Aber ich konnte diese Nacht nicht schlafen. Ich lag wie auf eines Messers Schneide. Die eisige Kälte des nassen Felsens verbot ein längeres Einnicken. Während der Nacht regnete es, das Wasser tropfte ununterbro­chen von den Überhängen über uns, sickerte den Felsen hinab und durch die Lücken in unsere Biwaksäcke. Meine psychischen Re­serven hatten sich bereits durch die Probleme des Tages aufgebraucht und ich dachte immer mehr an Rückzug. Aber dies war ein Gefühl das ich schon öfter durchgemacht hatte, aber dennoch war ich nicht fahig, es zu unterdrük­ken. Am nächsten Morgen zeigte das Wetter untrügliche Zeichen der Verschlechterung und, froh über diese Entschuldigung zum Rückzug, begannen wir uns abzuseilen. 

Regengüsse fegten durch das Tal. Niemand kletterte, denn alle waren sich der katastro­phalen körperlichen Anstrengungen unter diesen Umständen bewu§t. Aber das Wetter klarte auf, wie immer, und der Abend des 23. August fand uns wieder einmal auf un­serem Hochstand. Den ganzen Tag waren wir unseren Spuren gefolgt, wir mu§ten alle Haken wieder anbringen, die wir vorher aus­ geschlagen hatten. Bei dern unebenen Felsen befestigten wir das erste der 150-Feet-Seile und seilten ab; das zweite Seil lie§en wir in der Sicherung darunter hängen. Auf den gro§eren Bändern am Fu§e der Wand schlie­fen wir diese Nacht gut. 

Am folgenden Morgen erwachten wir um 3 Uhr, und zwei Stunden später waren wir mit unseren Lasten mittels Prusikknoten das 300 Feet hängende Seil hinaufgeklettert. Vom Fels weg führend, traversierte ich links an sehr kleinen Griffen, bevor ich einen gro§en Winkelhaken in einer Einbuchtung im Felsen anbringen konnte. Beim Einhämmern des Hakens bröckelte der Felsen rundherum ab, aber durch sorgfältige Gewichtsverlagerung hielt er, als ich aufstand um einen ,,RURP” hinter einem Felsen anzubringen. Als ich hinunterlangte um den Karabiner aufzuma­chen, zog sich der untere Haken aus der Aus­buchtung heraus und klapperte das Seil hin­unter zu Rusty. Ich wu§te wohl, da§ ein Sturz hier einen wilden Fall über die ganze Wand bedeuten würde. Aber es schien hier keine Stelle zu sein, wo man einen Haken anbrin­gen konnte. Alle Risse waren blind und den Sack mit den Bolzen hatte ich zurückgelassen. Aber wir hatten noch ,,skyhooks”, diese kleinen Stahlhaken, welche uns immer wie­der bei dieser Kletterei retten sollten. Nun mu§te es wieder ein ,,skyhook”-Steigen wer­den. Ich brachte einen in einer kleinen Kerbe im Felsen an und belastete ihn noch sorg­fältiger. Eine ,,Messerklinge” und noch zwei abgebundene Haken führten zu einem idealen Platz für ein ,,Crack Tack’s welches, obwohl es nur ¾ Inch in den Felsen hineinging, sich als der beste Haken der Steigung heraus­stellte. Über einem kleinen Überhang kamen zwei weitere ,,skyhook” -Bewegungen. Dann Freikletterei (VI, A3), eine gute Rinne hinauf, welche zu einem riesigen Dach führte. Hier nahm ich unter dem 25-Feet-Überhang einen hängenden Stand auf und ruhte mich in der Hängematte aus. Dies war bestimmt die härteste Führung in meinem Leben und doch war es blo§ eine der Seillängen in dieser Wand.

Rusty kam mittels Prusikknoten das abge­bundene Kletterseil hinaufgeturnt. Nebel hüllte uns ein und ich fing vom Dach Trop­fen zum Kochen auf. Es dauerte nicht lang und das dauernde Herabtropfen des Wassers ging durch meinen gut abgedichteten Yacht­Anorak durch und ich zitterte vor Kälte. Un­ter mir kam der Laut des Hakenschlagens immer näher und bald erschien die Helly­-Hansen angezogene Figur von Baillie am Fu§ der Rinne. Er kletterte langsam das Seil hinauf, die Klammern hochschiebend, bevor er sich zurücksetzte, den Karabiner öffnete und anfing den Haken herauszunehmen. 

Über uns war der Weg durch ein riesiges Dach versperrt; eine umgekehrte Treppe aus Überhängen erstreckte sich horizontal über 25 Feet. Aber die Risse waren gut. Während wir uns unten mit blinden, unregelmä§igen Rissen zufrieden geben mu§ten, waren hier die Risse ausgeprägt und tief. Nun war es nur eine Sache, die Haken richtig auszusuchen und sorgfältig anzubringen. Aber trotzdem war es eine kornplette Überraschung, als Baillie das Dach in 30 Minuten hinter sich brachte. 

Nun konnten wir wirklich vorankommen. Nach den letzten zwei A4-Steigungen erschien uns dies als gro§e Erleichterung und wir waren beide voll Vertrauen und Freude, als wir durch den wirbelnden Nebel weiterklet­terten. Um 18.30 Uhr erkletterte ich einen 3-Feet-Überhang und kam unter einem schmalen Band heraus, dem ersten, seit wir den Felsen am Morgen verlassen hatten. Über 12 Stunden war unsere Welt auf einige wenige Quadratmeter Fels begrenzt gewesen, unser einziger Halt für die Fü§e waren in den Fels getriebene Haken und in meiner Hast, das Band zu erreichen, wäre ich fast abgestürzt. 

Unser Radio verband uns diese Nacht wieder mit unseren Freunden im Tal. Den ganzen Tag im Nebel kletternd, hatten wir uns sehr einsam gefühlt. Wir konnten nicht einmal die winzigen, käfergleichen Autos sehen, welche die Andalsnes-Oslo-Hauptstra§e ent­langkrochen und dies vermittelte uns ein un­sicheres und einsames Gefühl. Es war wun­dervoll, mit Rustys Frau sprechen zu kön­nen — Pat — und mit unseren norwegischen Freunden im Tal. Zu wissen, da§ dort unten sich jernand um uns kümmerte, war eine gro§e Erleichterung und erlöste uns etwas aus der Eintönigkeit dieser starken, überwäl­tigenden Felswelt. Sogar die Töne, die Rustys Baby durch den Äther gurgelte, erfüllten uns mit gro§er Freude. 

Das Biwakband war eng, aber ich schlief gut, als die Überanstrengung vom Klettern dieses Tages die Unbequemlichkeit überwog. Über uns lagen nun 500 Feet schwerer Kletterei, ein langes System von Bändern, welche sich quer durch die Wand zieht. Hinter diesen Bändern lagen noch 1500 Feet Kletterei, aber wir ersahen darin kein Problem mehr. 

  Tatsächlich hatten wir die schwerste Kletterei hinter uns. Je mehr wir an Höhe gewannen, um so besser wurde es und um so eindrucks­voller waren die Situationen. Wir begannen nun an der ausgesetzten Kletterei Freude zu finden und konnten in der Sicherheit unseres guten Sitzes unter den Sternen ausruhen und den schwachen goldenen Schimmer des däm­mernden Himmels abwarten, der den kom­menden Tag ankündigte. Das Härteste lag hinter uns, der Fels war trocken und fest, die Risse gut und die Überhänge weit unten. Wir gewöhnten uns an das Leben in der vertikalen Welt und die Vorsicht wurde zum Reflex. Aber nun mu§ten wir uns vor dem Übervertrauen vorsehen. 

Den folgenden Morgen, als ich mich vorbe­reitete, das Biwak zu verlassen, löste ich mei­nen Helm vom Karabiner, wo er sicher die ganze Nacht gehangen hatte. In der nächsten Sekunde holperte er die Wand hinunter, be­rührte den Fels einmal unter meinen Fü§en und dann machte er einen riesigen Bogen, bevor er auf den Platten am Fu§e der Wand aufkam. Nun verlor ich ihn im Nebel aus den Augen und konnte ihn nur am Laut ver­folgen, als er weitere 2000 Feet bis zum Talgrund hinunterfiel. Ich hatte genug Zeit, um mir die Konsequenzen dieses Fehlers zu vergegenwärtigen. 

      An diesem Tag, den 25. August, kletterten wir über 500 Feet eine wunderbare Linie von Rinnen hinauf, welche in direkter Linie auf den Gipfel zuführte. Sicherlich war im gan­zen Romsdal keine ästhetischere Linie zu fin­den. Es war nie schwierig, die Route zu ver­folgen. Steigung folgte auf Steigung in login­scher Anordnung; Rinne folgte auf Rinne, Ri§ folgte auf Ri§, als wir die letzten kleinen Überhänge überkletterten, welche zu den Bändern bei 1500 Feet führen. Aber die Schwierigkeiten wurden noch nicht weniger. Um 18.15 Uhr erreichte Rusty die ,,Bänder” und wir waren von ihrer Grö§e schockiert. Wir hatten Terrassen erwartet, aber diese waren kaum gro§er als die kleinen Biwak­bänder weiter unten. Wir waren überrascht, eine riesige abgelöste Felsnadel zu entdecken, welche wir prompt ,,Schicksalsfinger” nann­ten. Es war anspornend, endlich eine Steigung zu finden, wo wir frei klettern konnten, als wir hinter der Nadel einen Kamin sahen, wel­cher zu Rinnen und Kanten hinaufführte, zu der letzten Barriere von Überhängen. 

Hinter der Nadel landen wir einen idealen Biwakplatz, sicher, geschützt, warm und ge­rade richtig um die Hängematten aufzu­machen. 

Der 26. August dämmerte klar, mit kaum einer Wolke, die das klare Blau des Himmels befleckte, welcher sich über unseren Köpfen ins Unendliche erstreckte. Und was für eine Aussicht! Meile auf Meile von schneebedeck­ten Gipfeln und Wänden, in einem unverge§­lichen Farbenmosaik ineinander übergehend. Sicherlich inst dies eine der Freuden am Berg­steigen. Schönheit wie diese kann nur das Auge einner Kamera wiedergeben. 

Wir erwachten früh und glaubten, an diesem Tag die Besteigung beenden zu können. Nach so viel Härte hatten wir nicht den Wunsch, unsere Leiden zu verlängern. Wir a§en die ganze Reserveverpflegung auf und lie§en in einem Versteck nichtverderbliches Essen für eine eventuell spater nachfolgende Gruppe zurück. Mit Prusikknoten kletterten wir an den Seilen auf die Nadel, holten die nun leichteren Säcke nach. Um 4.30 Uhr morgens, gerade als die Sonne hinter der starken Kontur des Romsdalshornes hervor­kam, begann Rusty in der ersten Steigung zu arbeiten, die wir nach 30 Feet in der vorher­gegangenen Nacht aufgegeben hatten. 

130 Feet Seil führte er aus, sicherte in seinem Nylon-Sitz, holte die Säcke nach, als ich weiterstieg. Die Haken herauszunehmen war leicht, aber alle Haken waren fest gewesen. Alle waren perfekt angebracht in dem zackigen Ri§; keinner wäre bei einem Sturz ausgebrochen. Baillie selbst sagte: ,,Dies war eine der erfreulichsten Seillängen die ich je kletterte!” Diese Seillänge verstärkte meinen allgemeinen Eindruck dieser Besteigung. 

Nirgendwo zuvor hatte einer von uns das Klettern so empfunden wie hier. Einerseits war es bestimmt die härteste Kletterei, die jeder von uns je durchgelührt hatte. In der Tat, die zwei A4-Seillängen im unteren Teil der Wand waren die härtesten technischen Führen die je einer von uns gemacht hatte. Aber andererseits, die Besteigung hielt auch einige der sensationellsten und erfreulichsten Abschnitte bereit. Die Situationen waren oft einmalig, jedes neue Problem war eine eigene Besteigung wert. 

Über uns lag, 10 Feet in den Himmel ragend, ein finsterer überhängender Kamin, unter uns ein freier Fall über 2000 Feet und das Gefühl des Ausgesetztseins wurde verstärkt durch eine weitere abschüssige Platte unter uns. Während ich zwei Haken anbrachte, langte inch hinauf und schwang mich abwärts, das Seil hing vom Fels weg über Baillies Kopf. Je weiter ich kletterte, um so weiter weg hing das Seil, um so wahrscheinlicher war ein Sturz. Aber dies war Klettern. Nach 2000 Feet Hakenkletterei — mehr als 600 Haken wurden angebracht — war es herr­lich, frei klettern zu können, und den festen Fels unter den Händen und Fü§en zu spüren.  Ich konnte mich nicht dazu entschlie§en auf­zuhören und einen Haken anzubringen; es war auch nicht nötig. Die Schwierigkeiten sind vergleichbar zu ,,The Slot”, Joe Browns berühmter Route am ,,The Roaches”. Diese Seillänge wurde schlie§lich über 100 Feet eine gro§artigen Kletterei im V. Schwierig­keitsgrad. Aber auch dies war nur ein wei­terer Teil dieser gro§artigen Route. 

Darüber lag ein anderer überhängender Kami spielend durchklettert von Baillie, und endlich kam leichtes Gelände. Um 11 Uhr etwa sa§en wir aul Schuttbändern und be­sprachen, wie die restlichen 600 Feet bis zum Giplel zu bewältigen wären.

 Am Mittag hatten wir Radinoverbindung mit dem Tal und wir verbrachten die Zeit, indem wir das Gepäck sortierten, welches wir nun zum Gipfel mitnehmen wollten. Und wie herrlich war es, unser restliches Essen über die Kante zu werfen. Während der ganzen Kletterei ernährten wir uns von Rosinen und Erdnüssen. Wir fühlten uns nachgerade wie Affen im Aufstand, denn wir hatten nun diese Diät reichlich satt. Wir hatten uns zu dieser Nahrung entschlossen, weil sie einen hohen Kaloriengehalt hat, aber gegen Ende der Besteigung mu§ten wir uns zum Essen zwingen.

      Nach dem Radiokontakt stiegen wir, angefeu­ert nach unserem Rendezvous mit einer Fla­sche Kognak, dem Gipfel entgegen. Aber die Kletterei hielt noch etwas für uns bereit, wor­auf wir nicht vorbereitet waren. Für Strecken von 150 Feet nahmen wir das Seil auf und brachten den leichten Fels schnell hinter uns, aber nach zwei Stunden war der Gipfel im­mer noch weit entfernt. Das Klettern war leicht, aber der Fels war furchtbar brüchig und gefährlich und wir tendierten mehr zum Ausruhen als uns dem Ziel zu nähern. 

Der gefährlichste Teil der Besteigung kam jetzt und wir mu§ten gro§e Vorsicht anwen­den, um die Erwartung zu dämpfen, die dem Erlolg vorangeht. 

  Und dann folgte fast ein Unglück. Wäh­rend ich einen Sicherungshaken herausnahm, löste mein Hämmern einen riesigen Stein-block vom Fels über mir. In der nächsten Sekunde, ohne da§ ich wahrnahm was ge­schah, war ich ganz benommen von der Gewalt des Aufpralls auf meinem unge­schützten Kopf. Das ganze Gewicht des 5 Quadrat-Feet gro§en Felsen erwischte mich am Kopf, streifte über meine Schulter und verschwand mint wachsendern Widerhall in der Wand. Über mir hatte Baillie instinktiv das Seil fester in die Hand genommen, aber der erwartete Sturz kam nicht. Ich hing im­mer noch an meinem anderen Haken, mein Kopf surrte und in meiner linken Schulter hatte ich einen schneidenden Schmerz und einen blauen Flecken, der mir wochenlang bleiben sollte. Aber sonst war inch unverletzt. Ich hatte Glück gehabt. Meine Unvorsichtig­keit hätte sich bald sehr schlimm ausgewirkt. Von jetzt ab konnte ich nicht mehr führen. Allein den nächsten Standplatz zu erreichen, bedeutete gro§e Anstrengung für mich. Meine geistigen Kräfte waren vorübergehend sehr geschwächt. Die einfachste Kletterei wurde schwer, der festeste Felsen brüching. Aber das Vertrauen wird durch die Gewohn­heit wiedergewonnen und nach einer kurzen Rast konnte ich wieder sicher klettern. 

Auf dem Giplel angelangt, wurden wir von zweien unserer norwegischen Freunde begrü§t, welche eigens heraufgekommen waren, um uns den vorher versprochenen Kognak zu bringen. Viele Fotos wurden gemacht, ehe unser durchtrainierter Kaufmannsverstand zu arbeiten begann. Zeitungsleute mu§ten zufriedengestellt werden, im norwegischen Fernsehen sollten wir erscheinen, aber vor allen Dingen konnten wir unser Selbstbe­wu§stein erhöhen. 

Aber was blieb sonst von der Besteigung übrig? Fine Linie auf einem Bild? Viele Worte auf einem Stück Papier? Nein, es war mehr. Es bestand nun ein tieferes Verständnis für uns selbst, unsere Schwacheiten und unsere Grenzen. Wir hatten eine Kamerad­schaft errichtet, welche nur durch gemeinsames Klettern am Rande der Verzweiflung entstehen kann. Und unsere Freundschaft wurde verstärkt durch das gegenseitige in­nige Verständnis, welches durch die Über­windung der Angst hervorgebracht wird. Aber ist dies nicht schlie§lich und endlich das Wichtige am Klettern? Oder ist es nur ein Teil?...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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